Koka in Gläsern

Leseprobe roman (1) Arbeitstitel:

Deutsche U-Boote für Brasilien

Abschnitt 1

Erinnerung an seine Begegnung mit Prokop in Lebach

ZwischenDialog vor der Szene 1.4 Bert und Gert in der Kaserne

 

Im Spätherbst (Oktober) 1998 – gut 1 ½ Jahre nach seinem Eintritt in die Bundeswehr, war Bert ein 24-jähriger Fähnrich und jener Gert Prokop, der ganz gewaltig enormen Einfluß, auf sein Leben nehmen würde, stand kurz vor seinem Oberleutnant, bei den Fallschirmjägern. Als dieser Prokop Bert in der Bar des kleinen Hotels der Ortschaft Lebach in der ihre gemeinsame Kaserne lag antraf, und selbigen in seltsam-unglaublicher Weise, in einer unfaßbar melancholischen Stimmung vorfand. »Ein solcher Mannes-Riese wie Mehrhof«, hatte er gedacht, »in solch einem Zustand, da ist garantiert etwas nicht i. O..« Ganz alleine, war Bert bis dahin, schon seit etwa 18:00 h des Tages (Montag) dabei einen offensichtlich ganz furchtbaren Kummer hinunterzuschlucken.

Er hatte große Probleme. Ja, er hatte sich Berta doch tatsächlich am Wochenende erklärt, hatte ihr dabei indes auch gesagt, daß er, was sein Empfinden für Liebe anbetrifft, seit Juli 1997, seit dem Unfalltot seiner Verlobten Isabell – psychisch noch immer so stark in Mitleidenschaft gezogen war, daß er nicht mehr – höchstwahrscheinlich sogar niemals mehr, daran denken werde, jemals – zu heiraten. Jetzt saß er da, er der er ansonsten beständig immer, mit allem was im Leben immer wieder einmal halt so passiert, so männlich stets fertig wurde, daß sein momentaner Zustand einfach erbarmungswürdig war. Und er gestattete Prokop neben ihm Platz zu nehmen, ja – er wollte abgelenkt werden. Und siehe da, das Rauhbein Gerd Prokop, der ansonsten – nicht unbedingt, zu den gesprächigsten Menschen des Offizierskasinos zählte, fuhr an diesem Abend beinahe wie die Feuerwehr ab, ihn Bert, zu unterhalten. Da dauerte es gar nicht einmal so sehr lange, bis er sein Gespräch auf die Politik, auf die Gesellschaft im allgemeinen, ihrer beider Dienst – der diese Gesellschaft zu beschützen hätte und auf jene Modedroge, zu sprechen kam, die ganz allgemein Kokain genannt wird. Und die Bert, ganz bestimmt auch, die elende Trübsinnigkeit der er momentan ausgesetzt war aus Hirn u./o. Seele blasen täte. Wie nebenbei hatte er davon erzählt, daß ein guter Freund, dem Zeug verfallen war. Hatte erzählt, daß jener Mensch Walter hieß und hatte behauptet Walter wäre sehr stark Streß geplagt vom Kokain und dessen Nebenwirkungen wie schließlich auch von diversen Neben- u./o. Entzugserscheinungen dieses Stoffes.

Als Gert Prokop schließlich soweit war, daß er seinem Freund Walter, den Glücksfall bescheinigte, der jenem mit dem Finden des Heilkrautes »Guter Heinrich« in den öffentlichen Wiesen und Feldwegen der rheinischen Heimat vom Schicksal anheim gestellt worden war, und sein auf Besänftigung der Blessuren die durch das »weiße Gold« entstehen, ausgerichtetes Zubereiten auch noch gelang, sah Bert, mehr als bloß interessiert auf. Viel interessierter, als je an einem anderen Thema zuvor, war er plötzlich mehr, als bloß – ganz Ohr.

Schon drei Wochen später wußte sein Bruder Hans vom Wesen des Heilkrautes »Guter Heinrich« und davon, daß es seinen Kaninchen bestimmt nicht schlecht davon werden würde. Daß Bert hierbei indes irrte, wurde ihm allerdings erst viel später klar. Hans aber, der tatsächlich häufiger an schönen Tagen in den Feldern der Umgebung Berlins (Brandenburg vielleicht) unterwegs war, um besonderes Kaninchenfutter für seine Lieblinge zu finden, suchte von nun an, sehr intensiv bei solchen Gelegenheiten – gezielt, nach dem Kraut, mit dem ach so gütigen Namen.

»Halt«, mit extremer Wucht hatte Bert sich aus seinen Gedanken gerissen, die tatsächlich sogestalt angelegt waren, als seien sie in einer aktuellen Situation des Lebens real da und nicht bloß im Kopfe entstehend, »Sie fahren über 100 mph – Sie dürfen hier aber nur 80 fahren!« – »Ich dachte,« lächelte der Oberstleutnant äußerst süffisant, da wir an den Favelas vorbei, nun auf den ausgebauten Straßen der Halbinsel sind, daß Sie während der Minuten der Eintönigkeit der Geräusche des Straßenverkehrs, während des Zuhörens eingeschlafen sind.« – »Nein, nicht …!« Sagte Bert. »… Und da ich nicht so unhöflich sein wollte«, fuhr Mantegazza kühl bis ungerührt fort, »Sie, zu fragen, ob Sie – mich, überhaupt noch hören, habe ich ein bißchen mehr Gas gegeben, zumal die lange Straße seit etwa fünf Minuten den schnellen Fahrstil erlaubt!« – »Ich sah ziemlich genau – daß Sie versuchten die Favelas, so zu passieren, daß man Ihre Art Mann, erkennen möge, so kam es mir jedenfalls vor«, murmelte Bert etwas verlegen, »aber ich habe Ihnen dennoch genau zugehört. Sie sprachen zuletzt davon, daß Ihnen erneut jemand, aus Ihrer Familie in São Paulo, versprochen hat, nur Ihnen, den nächsten Sportwagen wieder zu überlassen, den nur er alleine – innerhalb eines äußerst illustren Kreises von Beziehern dieses ungewöhnlichen Prachtstücks – jedes Jahr neu, beim Hersteller beziehen kann!« – »O(!)«, krächzte Mantegazza, das stimmt. Na ja, dann nichts weiter für ungut!«

Schweigend, so jedenfalls sah es wiederum aus, fuhren sie zunächst nun eine Zeit, in welcher Bert erneut mühsam konzentriert versuchte, gleichzeitig zu Denken, und zudem – Mantegazza, im Auge – zu haben. Ihm war ein bißchen ungemütlich, aber, als er den verlorenen Faden seiner Gedanken wiedergefunden hatte, ging es ihm bald schon wieder gut genug, auch mit seinen Gedanken und den Assoziationen, die der Umwelt und seinem, gerade ihr – spezifisch zugeordneten Wesen, seltsam bis egozentrisch entsprachen, so zu spielen, daß ihm sein Humor – sähe man jetzt in sein Gesicht, anzusehen wäre:

Szene 1.4 Bert und Gert in der Kaserne

»Sie wollen hier in Lebach1 nun also Leutnant werden – Herr Fähnrich!«

»Ja – will ich«, grinste Bert etwas schief in das Gesicht von Oberleutnant Gert Prokop – der lässig, im ansonsten leeren Aufenthaltsraum ihrer Kaserne in Lebach vor ihm stand, »und ich will sogar noch mehr. Ich will die Studiengänge an der uniBW absolvieren und irgendwann direkt für die Bundesregierung arbeiten!«

»Mein lieber Mann, freute Prokop sich, da haben Sie aber eine ganze Menge vor. Das alles braucht aber sehr viel Fleiß, Einsatzbereitschaft, Mut und Verzicht – auf sehr vieles im Leben, auf das der normale junge Soldat, zu verzichten, höchst ungern bloß bereit ist – wie ich weiß!« – »Mag sein, Herr Oberleutnant, aber sie werden nicht jeden jungen Soldaten gemeint haben können, denn ich selbst – ich zähle mich zu den anderen zugehörig!«

»Vorzüglich, mein bester, vorzüglich. Ja – auch ich glaube, daß Sie das Zeugs haben mehr zu sein – als Schein, denn alleine die Tatsache, daß Sie sehr begütert und dennoch Soldat sind, beweist das, und zwar in exorbitanter Manier.

Aber – den Oberleutnant, mein bester, den schminken Sie sich bis zum Monatsende noch ab!«

»Na ja – ich weiß ja, daß dann Ihre Beförderung ist, aber sie ist, als wirklich gesichert anzusehen, daher ist für mich klar – wer und was Sie sind. Sicher, Sie kennen mich kaum erst, ich bin seit ’97 beim Bund und hier im Saarland erst seit ein paar Wochen, wir schreiben heute den 10. Januar 1999, Sie haben mich nur einmal zuvor privat gesehen, haben davor nie je etwas von mir gehört, dennoch spricht Ihre Menschenkenntnis Bände!«

»Da haben Sie recht. Ich sehe Ihnen an was Sie wert sind. Ich sah es schon in jenem Hotel hier in Lebach, in dem Sie im Spätherbst vergangenen Jahres, Ihren merkwürdigen Moralischen abnicken wollten. Doch, ich achte Sie. Und ich traue mich Ihnen das auch zu sagen. Obwohl Ihr Ton in Ihren Antworten etwas weniger Arrogant sein könnte, damit Sie irgendwann vielleicht nicht bedauern, nicht noch das Letzte aus mir heraus gekitzelt zu haben!«

»Vielleicht haben Sie auch hier erneut wiederum Recht? Ich weiß es nicht, aber ich wollte keineswegs hochmütig wirken, lediglich selbstbewußt. Vielleicht glaube ich ja, daß Soldaten so sein müssen? Von einigen Strategen Preußens habe ich jedenfalls nichts Nachteiliges gegen das standesgemäße Empfinden des Selbstbewußtseins der Offiziere gehört!«

»Ja«, sinnierte Prokop, ob – von Moltke oder von Clausewitz, von Ihnen oder von mir, es war denen bestimmt egal, denen galt sicher nur der Mann im Offizier etwas!«

Bert lachte, irgendwie sah er recht verwegen in Prokops Gesicht, das von einer gelb-gräulichen Farbe gekennzeichnet schien: »Wie Sie das ausdrücken, wird es wohl nicht unbedingt auch gewesen sein. Aber – wenn man die Contenance wahrte, war es schon gern gesehen, jenes Merkmal, von dem Sie da gerade sprachen!«

»Selbstdisziplin oder Selbstbeherrschung, so würde ich den von Ihnen gewählten Begriff der Contenance ersetzen – nicht übersetzen natürlich, dann erst wä(h)ren Sie bei mir auch jetzt, richtiger. Sehr akzentuiert war seine Stimme hörbar, als er das Wort »wären« auszusprechen hatte. »Mir will die Feinheit des Unterschieds dieser unserer Worte nicht einleuchten.« Sagte er dann weiter. »Ich kann den Inhalt des französischen Begriffs den Sie wählten, nicht nachempfinden. Das Strickmuster ist offenbar nicht für meine Gefühlswelt bestimmt – tut mir leid!« – »Ach – wissen Sie, solange wir Soldaten wissen was wir im Prinzip zu wissen haben, um unserer Kameradschaft gerecht zu werden, so lange sind wir annähernd im gleichen Geiste tätig!« Sagte Bert – mild dabei lächelnd. Und gedacht hatte er dazu außerdem noch: »Hoffentlich!«. Aber das konnte Gert Prokop ja nicht bekommen haben.

Hier folgt ein Bereich mit Kurzdaten über den Grafen Haeseler:

 

Hier ist der Bereich 1 über Graf Haeseler zu Ende

»Eigentlich bin ich Ihrer Meinung«, grinste er etwas sardonisch, dennoch sind wir alle auch nur Menschen. Und – Nächstenliebe – zum Beispiel, wie Sie sie womöglich oder vielleicht im Panier führen, kann uns teuer zu stehen kommen. Na ja –? Daß wir Menschen es dennoch immer wieder geschafft haben, läßt sich mancherorts nur mit dem Blutzoll der dafür entrichtet zu werden hatte erklären!«

»Mag sein, murmelte Bert, aber manchmal ist es eben tatsächlich relativ teurer, ein Mensch zu sein!« – »Kühe oder Schafe begnügen sich in der Regel mit Gras. Der Mensch, so dämonisierte Prokop jetzt ein wenig weiter, braucht Fleisch und all die Beilagen oder Zutaten die sein Hirn ihm zu Erdenken hilft. Der Hunger des Menschen ist indes keineswegs bei der körperlichen Seite des ganzen Energieablaufbedarfs rund um den Menschen beendet. Der Mensch braucht, Kunst hinzu, Kultur, und Zivilisation für Bereiche seines Lebens und für alle Zeit, für jede erdenkliche Zukunft – bis in alle Ewigkeit oder bis zu seinem Ende durch uns etwa!«

»Jo!«

»Was – Jo? Ist das alles was Sie dazu zu sagen haben!?«

Bert nickte nur still. Versonnen schaute er aus dem Fenster des Blocks in die Kaserne hinein. Lange, bis Prokop klar wurde, daß er zu diesem Thema nichts weiteres zu sagen gedenkt. Verlegen hüstelnd, drehte der Oberleutnant in Spe2 sich um, murmelte noch so etwas wie: »Ist sowieso Zeit zu gehen. Der Dienst beginnt.« Etwas lauter sagte er dann nur noch, »tschüß!« Als Bert alleine war – stand er auf, ging in die hintere Ecke des Raumes und setzte sich dort, mit dem Rücken zum Fenster und dem Gesicht zur Türe, an den rechteckigen Tisch. Käme jetzt wer hier hinein, dachte Bert, müßte er, um mich zu sehen, sein Gesicht ziemlich weit nach links wenden!«

»Der Tag war schön. Ein frostklarer, kalter, saubere Luft spendender Tag«, dachte er und dachte zugleich an einen ähnlich kalten Tag, vor vielen Jahren – wie ihm schien, in Argentinien:

Ich liebe Dich so sehr – Du großer Mann Du

»Ich liebe Dich so sehr – Du großer Mann Du!«

Warm und einschmiegsam hörte Bert noch immer die Stimme der Frau, der er sich versprochen hatte, die Stimme einer Frau, von der er genau gewußt hat, daß alle Erfüllung des Himmels auf Erden – durch sie alleine, für alle seine Zeit auf diesem Planeten zumal, einfach gewährleistet waren.

»Du machst mich nicht nur zum glücklichsten Mann hier auf Feuerland«, sagte er mit einem Timbre in der Stimme, der die wärmende Glut seiner Seele – ganz sicher in ihr wunderliebes Herz einfließen lassen mochte, »Du bringst es fertig, daß durch Deinen Liebreiz bedingt, die ganze Welt in Flammen steht!«

»Ach – Du lieber Schmeichler, ich fühle mich im Augenblick in die höchsten Höhen Feuerlands gehoben, aber bitte Dich dennoch, schmeichle lieber etwas vorsichtiger, weil ich Dich ansonsten womöglich anspringen werde, um von Dir – auf Deinen Armen durch ganz Feuerland getragen zu werden!«

Sie lachten beide – überglücklich, dann gab sie ihm ihre kleine Hand in seine unglaubliche Pranke und bat ihn, ihr zu folgen:

»Wir sind da«, sagte sie leise, nur der Wind betonte aus seinem Wehen über die Schindeln der wetterschwachen Bude bedingt – ihre Worte so, als seien sie Musik, betonte sie ganz genau an den richtigen Stellen, mit der richtigen Länge und entsprechenden Härte, »hier wollte ich schon lange einmal alleine mit Dir sein. Hier, mein Liebster, ist der Ort von dem aus ich übers Meer schauen kann. San Pablo ist nicht allzu weit, die Ruhe die nur vom Gesang des Windes begleitet wird, ist so stark wirksam in mir, daß all meine Gedanken wie verzaubert höher gestellt sind, als anderswo und überhaupt!«

»Ich denke wie Du«, Bert hatte vorsichtig den Kopf zu ihr hin bewegt, so mußte sie das leichte Vibrieren seiner Lippen bemerken, »Dein Sinnen verzaubert meine Sinne, höher kann kein Gefühl welcher Insel auch immer jemals sein!«

»Diese windschiefe Hütte«, lächelte sie vollmundig elegant, ist seit meiner Kindheit ein großer Teil des Zaubers den ich empfinde wenn ich hier bin. Und nun will ich Deinen Teil, will ihn genießen, will ihn – als die Ansicht eines Gottes oder edel höheren Wesens, in meine Gedanken einbringen. Will Dich also, für alle Zeit zum Hauptpunkt meiner Gespräche mit dem Wind machen. Meine Zunge soll imstande sein, auch den letzten Rest Deiner Weisheit – eingemischt in mein Wesen, mit dem Wind zu teilen!« – »Ich glaube Du weist was Du willst!« Sein Wille, ihr Mut zu geben, ihn für ihre Lyrik zu nutzen, ihn für ihre Balladen und Lieder zu gebrauchen, war sauber zu verstehen: »Die Falklands – recht weit doch vor uns im Meer – gehören den Menschen meines Landes, sie – sind unser Land. Wir fliegen höher als die Briten, fühlen stärker – als sie, sie fürchten unsere hochgradig treffsicheren französischen Exocet – wie ein Kardinal den Teufel. Aber Du, mein allerliebster Bert, Du kannst das nicht verstehen. Du scheinst an die Ideen und Ziele der Briten gebunden, bist darum – nicht, in der Lage mir bei diesen meinen Gedanken direkt – in meinem Sinne, zu helfen!«

»Das stimmt Liebste, aber das war niemals bislang Thema – zwischen uns, willst Du jetzt eines daraus machen, jetzt und hier, angesichts der weite des Meeres, der Nähe der Magellanstraße, der Herrlichkeit des Windes, der weite des grasgrünen Landes vor uns, vor dieser Hütte, willst Du das wirklich?«

»Nein – Bert, ich will Dich wie Du bist. Ehrlich und sauber. Deine Ideale sind von nichts und niemandem zerbrechbar – zu machen, was Du einmal felsenfest glaubst, wird bei Dir – für immer, in Deinem Charakter eingebrannt sein – ich liebe Dich dafür!«

Sanft nahm er sie in seine Arme.

Als sie vor der einsamen Hütte ganz langsam ins Gras glitten, um von dem Hügel her auf dem sie lagen übers Meer zu schauen, sah sie plötzlich – die sie über Bert zu schauen hatte, ein großes, hohes Zelt – weit, in der Ferne vor sich. Nie zuvor hatte sie es dort gesehen. Wie weit entfernt es wohl sein mag, hatte sie gedacht, dann jedoch öffnete sie den Mund …

»Herr Fähnrich …, ja sagen Sie einmal, hören Sie schlecht?!«

Berts Kopf ruckte hoch, vor ihm stand der Zugführer des 2. Zuges dieser Kompanie, ein Oberfeldwebel: »Tut mir leid«, sagte Bert in freundlichem Ton, »daß ich nicht sofort reagiert habe, aber ich war tatsächlich in Gedanken!« …

Abschnitt 2

»Nicht, werter Herr Mehrhof, daß ich glaube, daß Sie mich mit geschlossenen Augen – nicht hören könnten, aber Ihre Antwort auf meine Frage – war mir insofern schon ein wenig suspekt, als ich annehmen mußte, daß sie versteckte Elemente, einer speziellen Antwort enthielte. Denn, was sollte das beispielsweise bedeuten, Sie wären in Feuerland respektive ‚Tiera del Fuego‘, als ich Sie spaßeshalber fragte – wo Sie denn just jetzt seien?!«

»Nun«, lachte Bert Mantegazza irritierend, »ich hörte Sie von Herrn Staatssekretär Milon sprechen, und davon, daß Herr Milon bald schon wieder in Brasilia erwartet werde, da dachte ich mir, daß dieser so sehr viel beschäftigte Mann, der ganz offenbar doch zwischen allen Feuern Brasiliens hin und her reist, diplomatisch aktiv sein müsse wie etwa ein feuerlöschender Salamander ansonsten aktiv bloß ist, und antwortete darum, ebenfalls spaßeshalber, mit der Metapher – in Feuerland!«

»Wir werden die Stelle, die in der Nähe der Bucht, die Abzweigung für nämliche bereitstellt, jetzt bald erreicht haben,« sagte Mantegazza, »jene Stelle also, an der wir abbiegen müssen(!), wollen wir ohne auf uns zukommende Probleme, so rechtzeitig bei Herrn Milons Haus sein, daß der Staatssekretär nicht nervös wird. Daß es nicht überall in der Stadt so flüssig, wie zuletzt und hier hat laufen können, lag am Verkehr der Riesenstadt und an dem Zustand diverser ihrer, von uns bewußt benutzten Straßen!«

»Ah-ja?!« Meinte Bert nur, und wie als sei er schläfrig, schloß er nun erneut seine Augen.

»Hier«, sagte der Oberstleutnant, »in dieser Gegend, sind die Straßen sehr gut, der weitere Weg wie ich ihn fahren will ist ebenso gut ausgebaut. Ich könnte im Prinzip einmal zeigen was dieser Sportwagen – zu Leisten imstande ist, würde ich ihn einmal richtig treten und da ich die Stellen kenne, an welchen urplötzlich unsere, von uns Brasilianern doch so heiß-geliebtenLombadas3 auftauchen, wäre jetzt, ein Ayrton Senna in mir, den viele meiner Landsleute nur ‚The Magic‘ nennen, genau das Richtige, um einmal vernünftig ausatmen zu können!« – »Um Himmelswillen«, lachte Bert mit geschlossenen Augen, »denken Sie aber bitte, dann auch an Ihre Reifen. Mir wollte vorhin scheinen, als seien die so sehr haltbar nicht mehr. Und auch wenn die Av. Rio de Janeiro in den Bereichen von Rio-Niteröl, Costa E Silva etc., etc., ähnlich befahrbar wie ein Schnellweg ist, und Sie die sie betreffende Gebührenpflicht staatlicherseits für sich regeln ließen, wie das Ausweisschildchen in Ihrem Fenster zeigt, sollten Sie dennoch meinen Hang zur Beschaulichkeit stützen, ich bitte Sie herzlich darum, nicht etwa doch Ihrem Hang nach – »The Magic« frönen wollen!« – »Was?« Entrüstete sich der Brasilianer, »meine Reifen sind erste Klasse, sie werden alle drei Monate erneuert. Sie immer wieder neu zu beschaffen, bedeutet uns keinerlei Problem. Wir sind im übertragenen Sinne, in bezug auf das Material – immer noch so autark wie wir es in jener Zeit des Kautschuk-Booms waren, der in den 1870er Jahren auf dem Höhepunkt und von Manaus weltweiten Export gestaltend ausgegangen war. Und – mein Durchfahren an den Bezahlpunkten oder -stationen, regelt sich tatsächlich wie von alleine, weil ich bekannt bin und man von daher weiß, daß das Schildchen von dem Sie sprachen – immer, gültig sein wird. »The Magic« indes nachzueifern, ihn, als einziges Idol, so zu symbolisieren, daß über die Menschlichkeit hinaus, das sportliche erhalten bleibt in dieser Umwelt, kann nirgendwo auf der Welt wo man Autos liebt und schnelles Fahren, jemals, ein Fehler sein!«

»So«, ermutigte Bert ihn, »wenn Sie das so sehen, dann tun Sie sich bitte keinen Zwang an, denn das ist ja mehr als bloß famos. Und obwohl wir so weit ja gar nicht fahren müssen, werden wir wie ich glaube, ganz sicher, spätestens um 20:00 h an unserem Ziel sein, so oder so – wenn ich mich nicht täusche!«

»Ja«, freute Mantegazza sich, »so sind Sie hier genau richtig. Ich bin begeistert von Ihnen«, daß er sehr listig aussah bei diesen Worten störte Bert wenig bloß, »und Herr Staatssekretär Milon wird neben all Ihrer sowieso besonderen Formen, ganz sicher ebenfalls auch noch; für Sie persönlich zumal, zu würdigen wissen«, fuhr er schmeichelnder fort, als noch kurz zuvor, »daß Sie – lieber Herr Mehrhof, die Zeiten des Glanzes unserer unvergessen, reichen Stadt Manaus, in so sehr hoher, ethischer und moralischer Wertegebung, zu verstehen imstande sind!« Bert war verblüfft, war aufs Äußerste verblüfft. »Was um alles in der Welt, hatte er denn da nur gesagt, daß dieser Mantegazza, ihn – Bert, in eine Thematik involvierend, so unglaublich irritierend von Manaus und den Werten dieser Stadt, implizit in den Sprachpassagen und Redewendungen seiner Wenigkeit, diese offenbar patriotisch analysierend, gefunden hat, die er – Bert selbst, keineswegs sogestalt in welcher seiner Äußerungen auch immer – jemals getätigt hatte(!). Wenn dem aber so wie Mantegazza impliziert ist, warum sollte er – Bert, denn dann nicht, diesen Ball aufgreifen und dieses Spiel mit ihm spielen? Er, da war er sicher, würde diesen Vorteil nutzen. Ich freue mich sehr«, sagte er wie, als sei er geschmeichelt, »daß wir uns verstehen!« Denken aber tat er etwas ganz anderes, er stellte sich nämlich die Frage, »’ob er nicht vielleicht in einen Bluff des Brasilianers liefe oder ob der chaotisiert – momentan, nicht mehr genau wisse, was er denkt und spricht?’« Bert nahm sich vor, aufzupassen: »Ich war von Herrn Milon beauftragt ihn anzurufen, sollte nach dem Ergebnis Ihres Tests feststehen, daß wir Sie in Anbetracht Ihres Kontrollauftrages; zwecks Erweiterung respektive Ausdehnung der Erlaubnis auf und in andere Gebiete Ihrer angestrebten Funktionen in unserem Team, im direkten Umfeld des Staatssekretärs gebrauchen können!«

»Ach was …?«, guckte Bert erstaunt, »und – war ich wertig?« – »Und ob(!)«, blickte Mantegazza sehr ernst, Sie haben Werte erreicht wie vor Ihnen noch kein anderer!«

»Ist es denn nicht gefährlich, einfach so mir nichts dir nichts, zu einem Handy zu greifen und entgegen aller Erkenntnisse über das Abhorchen der Handys, solche Sachen über den Äther zu schicken?«

»I-wo«, lachte der Oberstleutnant, wir benutzen für solche Fälle verschlüsselte und damit abhörsichere Frequenzen, die im Falle – daß eine Leitung einmal benutzt wurde, für künftige Gespräche nicht mehr zur Verfügung gestellt wird. Im vorliegenden Falle war es sogar so, daß meine – mir zugeteilte, verschlüsselte »Leitung«, nur für diesen Tag und der aktuellen Stunde des Anrufs gültig war!«

»Das hört sich ja richtig gut an!« Sagte Bert und dachte dabei daran, daß sein Satelliten-Pocket-PC zwar, wie ein Handy aussah und dort genau auch wie ein Handy funktionierte, wo er als ein solcher zu funktionieren hatte – käme er in unbefugte Hände, letztlich jedoch, trotz all seiner wirklichen Finessen, auch lediglich nur abhörsicher, und vielleicht gefeit noch, gegen Hacker bloß war.

»Ist es auch«, grinste Mantegazza, »ist es durchaus. Unsere Erkenntnisse über Sie – von Ihnen selbst quasi über die Ergebnisse des Tests vorhin geliefert, sind so frappierend gut, daß wir annehmen müssen, daß Sie zum Besten überhaupt gehören, zumindest dort, wo Sie unsere speziellen Bedürfnisse zu eigentlich unerreichbaren 100 Prozent abzudecken in der Lage sind. Das aber braucht niemand zu wissen«, sagte er sehr eindringlich wirkend, »der nicht direkt, zu uns gehört!«

»Nun«, überlegte Bert, ein solches Ergebnis habe ich nicht erwartet. Mir war nicht einmal wirklich klar, daß der Test auch und gerade, spezifisch dahingehende Ergebnisse zu zeitigen hatte!«

»Ach – lassen Sie nur gut sein«, sagte der OL, »das ist jetzt völlig egal, Sie sollen eigentlich zwingend wichtig nun, das Herrenhaus unseres verehrten Herrn Staatssekretärs kennenlernen. Herr Milon will Ihnen zeigen – was wir können. Das Haus ist übrigens im Stile der Zeit erbaut – in der im seinerzeit reichen Manaus, die dortigen Herrenhäuser errichtet worden waren. Allerdings, und das ist den Fabeln Herrn Milons zu verdanken, ist es moderner eingerichtet, als alles was ich z.B. ansonsten kenne. Und natürlich sind seine Materialien keine uralten Sachen, es wurde das beste verbaut, das überhaupt herstellbar ist!«

»Dann wird dort ja wohl eine Basis vorhanden sein, in der und von der Sie, die Möglichkeit haben werden, unsere Uboote gegen das Verbrechen zu lenken?!«

»Ja, da haben Sie vollkommen recht. Das Haus ist ein Elektronik-Wunder!«

»Wir spielen schon in der Endzeit«, grinste Bert lässig, eigentlich sind es ja nur noch Stunden bis zur Übergabe der Boote an Brasilien, wenn Herr Milon, den Nachweis erbringen kann, daß unsere Uboote nicht, als Angriffswaffen in Kriegen die erst entstünden – weil Sie diese Uboote haben, eingesetzt werden, und die leidige Frage ethnologisch wertbarer Form hinsichtlich der Menschenrechte bei den indigenen Völkern Ihres Landes, hier im Speziellen die von uns angestrebten Verhalten gegenüber den Yami-Yami Indianern4, zufriedenstellend für unsere Fachleute beantwortet wird, dann ist es für mich wohl kaum mehr noch eine Frage, Ihr endgültiger Befürworter zu sein!«

»Das hat Herr Milon vorausgeahnt wie ich weiß, in unserem Stab und in diversen, vor allem politischen Organisationsforen in Brasilia, gibt es jedoch nicht nur Befürworter Ihrer Waffe. Es gibt einige Persönlichkeiten, die sich für englische u./o. französische Waffensysteme der Art wie Sie sie anzubieten in der Lage sind stark machen. Und dabei sind Männer und Frauen, denen Ihre »indigenen Verlangen« überhaupt nicht passen!«

»Ah(!)«, nickte Bert, »das ist ja hochinteressant!« Gedacht aber hat er süffisant maliziös blickend, ‚wie wahr, wie wahr, ich weiß – ich weiß!‘ Denn, sich hier und jetzt, diesem OL zu offenbaren, dazu war er einfach nicht bereit, dann aber hörte er Mantegazza, wie mit verstellter Stimme – die in Wahrheit psychisch bewegt war – sagen:

»Von Oberst Luiz, den Sie ja schon kennen, kommt wahrscheinlich nicht zuletzt aus dem erwähnten Umfeld der Gegnerschaft zu Ihrem Waffensystem, dessen – bis hin zum (un-)heimlich Rigiden – vertretener Maulwürfe-Verdacht.« Geradezu kunstvoll hatte Mantegazza den Begriffsbereich um das Wort Rigide betont: »Bis in den inner­sten Zirkel des Stabes«, sinnierte er weiter, zu dem auch ich persönlich gehöre, wirken – nach Ansicht des Herrn Oberst Luiz, Maulwürfe. Höchstwahrscheinlich sogar tätig, in höchsten, leitenden Funktionen unserer eigenen Büros. Luiz glaubt darum, so sehr stark daran, wie er sagte, weil es ansonsten für bestimmte, beständig wiederkehrende manchmal sogar verheerende Desaster, keinerlei vernünftige, wie immer geartete andere Erklärungen gäbe. Ich selbst bin da etwas anderer Ansicht, aber Oberst Luiz führt bis jetzt, jedoch – wenn ich noch den aktuellen Wissensstand habe, mit oder nach wenigen Punkten nur!«

»Ich hatte den Eindruck«, entgegnete Bert, »daß Oberst Luiz zu der Sorte Mann zu zählen ist, die fair, nach bestem Wissen und Gewissen, ihr ganzes Leben, für die Sache des Staates, in die Waagschale der Welt getan haben!«

Bert konnte sehr gut erkennen, daß sich ein Schatten im Gesicht Mantegazzas niederlassen wollte, der Oberstleutnant beherrschte sich jedoch: »Mag sein«, sagte er sehr diszipliniert, »daß Sie in bezug auf Oberst Luiz nicht alles wissen, was man normalerweise wissen muß, um Männer der Kaliber wie sie wohl auch Herrn Oberst Luiz – zu eigen sind, konsequent objektiv beurteilen zu können. Aber abgesehen davon, bin ich selbst – dieses ‚Mal extrem sogar, ganz und gar nicht, Ihrer Meinung. Ich glaube nämlich nicht, daß Herr Luiz sich voll und ganz für unser Land einsetzt!«

Bert sagte erst-mal nichts, er wußte, für Oberst Luiz steht insgesamt, zu viel auf dem Spiel. Luiz fürchtet den Einfluß von OL Mantegazza tatsächlich, sogar sehr5. Und außerdem glaubte er, daß der OL einfach weit mehr spezifisch mentale Stärken besitzt, als nun, sie auch noch auszureizen, gut für sein Spiel wäre. Um ihn zudem etwas von seinem doch bewußt gewagten provokanten Verhalten abzulenken, wechselte Bert wie absichtlich schnell das Thema. Er wollte dem Oberstleutnant Mantegazza damit zeigen, daß er jetzt – wüßte, daß er selbst etwas zu weit gegangen war. Wollte nicht, daß der bemerkt, daß er bemerkt hatte, daß Mantegazza anstatt von Staat in seiner Antwort gerade eben, zu sprechen, von Land gesprochen hatte. Sein Ziel war es also Mantegazza zufriedenstellend zu versichern – und zu beruhigen. Daß der es ihm schlecht bloß, zu danken verstand, lag indes sicher daran, daß er eigentlich im Grunde seines Wesens, trotz all seiner Bildung, seelisch/geistig recht unbeweglich bloß war: »Ihr Wagen surrt ja wie ein Elektromobil über diese herrliche Straße, sind wir denn nicht bald am Ziel. Die Leute die dieses Auto hier in Brasilien bauen, müssen aber sicher doch Fachleute ersten Ranges sein? Und es kann sich doch beim Bau des Autos in Lizenz wohl kaum um ein Geschäft handeln, wer kauft denn diesen Wagen überhaupt noch?«

»Auch hier beim Auto, kann man ob Ihrer recht naiven Fragen sehen, daß Sie vielleicht doch nicht, das wert sind, was unsere Tests von Ihnen glauben machen wollen.« So stark hatte der OL noch keinen seiner anderen Tobake6 verabreicht bislang, ihm schien das Pfeifchen, wie Bert glaubte, zudem sehr wohl zu gefallen: »Es ist indes bei diesem Auto so, daß es von einem Privatmann im Rahmen einer besonderen Lizenz gebaut werden darf. Und es ist im weiteren Verlauf um den Bau dieses Sportwagens weiterhin so, daß das Mechanikerteam, das ihn in Handarbeit herstellt, das Beste ist das es gibt auf der Welt. Und was Ihre Frage nach dem Käufer des Wagens anbelangt, so kann ich Ihnen da nur sagen, daß lediglich sieben Autos pro Jahr bloß gefertigt werden, und alle sieben Renner, sind jedes Jahr ohne Storno ausverkauft. Es werden auf dem Schwarzmarkt Preise für ihn erzielt, die unvorstellbar sind!« – »O!« Sagte Bert und dachte nach. – »Ich selbst bin nicht unbedingt unvermögend, zudem bin ich der Lieblingsverwandte eines der reichsten Männer im Lande«, lächelte Mantegazza wie als sei er plötzlich sehr müde, »und außerdem habe ich einen Anwalt, der wahrhaftig noch keinen Prozeß verloren hat, obwohl es für alle Gegner immer wieder mehr als eine Wonne bloß ist, gerade ihn herauszufordern, gerade ihn, zum Gegner zu haben. Sollte mich also wer dieses Autos wegen unter eine gerichtliche Lupe nehmen wollen, wird er mit schwersten Folgen für sich – zu tun bekommen, da bin ich ganz sicher!«

‚Na ja‘, dachte Bert, ‚ein bißchen weiß ich davon schon seit längerem.‘ Dann sagte er bewundernd: »Gut, für Sie. Dann sind Sie aus dieser Sicht ja wohl kaum bedauernswert!« Die beiden Männer sahen sich schweigend an. Jetzt wußten sie insgesamt gesehen tatsächlich also etwas mehr voneinander. Als sie schließlich »endlich(!)«, wie Bert dachte, über die lange Meeres-Brücke hinaus, durch einen weitflächig angelegten, wunderschönen – zum Grundstück Milons gehörenden Park fahren, und Bert doch wieder einiges Bemerkenswerte zu konstatieren hatte, waren sie nach etwa weiteren zehn Minuten relativ gemächlicher Fahrt (40 kmh) und ca. 7 km Weg am Ziel.

Aus etwa 600 m Entfernung sieht Bert das Haus des Staatssekretärs, das inmitten dieser herrlichen Parkanlage – durch die sie fahren, weitflächig umgeben ist von einem Innenpark, der von einer ihn selbst umgebenden Mauer aus besonderem Granit, nach außen hin – woher sie beispielsweise also jetzt kommen – abgeschirmt ist.

Langsam fahrend, kommen sie vor dem Tor in der Mauer aus Granit dieses überaus noblen Herrenhauses an. Das Tor selbst gehört zum eigentlichen Kern des Grundstücks, gehört zum inneren Park des riesigen Anwesens, in dem das Haus Milons steht, das den äußeren architektonischen Linien und Formen nach, aus der Zeit des Kautschukbooms in Manaus ist. ‚Milon ist ein gottverdammter Fan der Stile jener Zeit‘, grinste Bert in sich hinein – und: ‚Arm, ist er ganz bestimmt auch nicht …?‘

Schon von außen kann man den gewundenen – mit einem Kies der Qualität diverser Extraklassen belegten Weg erkennen, der zu dem auf einer kleinen, von saftig grünem Gras und wunderschön bunten Blumenbüschen bewachsenen Anhöhe liegenden Herrenhaus führt.

Einem Haus, das – wie Bert bald schon erfährt, mit einer vollautomatisch wirksamen Elektronik ausgerüstet wurde. Einer Elektronik, die eine ganze Menge mehr, als lediglich das Öffnen und Schließen des Tores bloß beinhaltete.

Das war interessant. Dieser Umstand für sich ganz alleine – war für Bert schon viel mehr, als lediglich interessant genug bloß. Daß das Tor von Mantegazzas Sportwagen her höchstwahrscheinlich nicht nur geöffnet werden kann, sondern darüber hinaus offenbar auch noch andere technische Spielereien denkbar, zu sein schienen, war für Bert eine neue, wertvolle und hochinteressante Information. Da muß also so etwas wie eine Kleinigkeit mehr am Auto sein, muß etwas von diesem merkwürdigen, privaten Lizenznehmer, zur sowieso schon recht leistungsfähigen Lichtanlage des Wagens hinzugefügt worden sein?

‚Ja, dieser Lizenznehmer hatte ganz offensichtlich, und das sogar noch u. a.‘, wie Bert bald schon erfahren sollte, ‚den Hebel fürs Fernlicht mit einem technischen Zusatz-Kniff versehen. Normalerweise drückt der Fahrer des Wagens, wenn er das Fernlicht einschalten will, den entsprechenden Hebel am Lenkrad von sich weg nach vorne, und schaltet damit das Fernlicht ein. Mantegazza aber drückte den Hebel nur gerade eben nach vorne, so daß lediglich ein sehr kurzes Aufleuchten des Fernlichts‘; Bert sah am Armaturenbrett, ganz kurz – das blaue Licht des anzeigenden Lämpchens, ‚inszeniert wurde, was allerdings für eine spezielle Funktion, die nunmehr dann in Gang gesetzt worden ist, absolut erforderlich war.‘

Mantegazza drückte den Hebel nach vorne und dann sofort nach unten. Dieses nach vorne und dann nach unten drücken aber, das gibt es normalerweise in keinem anderen, ansonsten normalen PKW – in wie immer auch gearteter Funktion.

Genau das aber war der Grund, weshalb Bert, der von seinem Vater her mit Kenntnissen, Kraftfahrzeuge betreffend aufs Beste ausgestattet war, nun doch – sehr, sehr aufmerksam wurde.

Ein Licht, das er nicht sehen konnte, das offenbar für das menschliche Auge unsichtbar war, bewirkte eine Verbindung zu einem im Tor eingebauten Schalter einer speziellen elektronischen Anlage. Dieser Schalter erkannte aufgrund seiner besonderen Programmierung das mit dem unsichtbaren Licht gesendete Signal, als autorisierte Quelle für den Befehl zum Öffnen des Tores.

Es ging also auf.

Langsam fuhren die beiden Männer nun in diesem Innenpark den kleinen Hügel auf dem gewundenen Kies7weg hinauf.

Vor der Türe des Herrenhauses, die von einer sehr breiten, relativ hohen Treppe her, zu erreichen war und deren Flügel nur linksseitig geöffnet waren, stand der Hausherr – Hervé Milon – selbst.

Nirgendwo war weit und breit jemand vom Personal zu sehen.

Hatte es frei?

Abschnitt 3

»Daß Du von Magdalena Milon begeistert warst in jener Nacht in Milons Haus, hat mich veranlaßt, nachzuschauen, was wir – Cruz, meine eigene, direkte Unterabteilung, der von Milon mit Struktur und im Prinzip nach dem Vorbild der Gestalt einer Division gegründeten ‚Spezial Delegierten‘, über sie wissen. Die Organisiertheit der ‚Spezial-Delegierten‘ indes, sie erlaubt mir persönlich, neben meinen Funktionen in ihrem Stab, eine Unterabteilung zu organisieren, die nur mir verantwortlich ist, und der nur ich verantwortlich bin.«

»Was«, lachte Bert erfreut, »das hast Du für mich getan!«

»Ja, lächelte Carrera bescheiden, habe ich. Und dabei ist schon einiges herausgekommen.«

Bert wußte nicht von Magdalena Milon, sie – war in keinem Dossier über die geheime Arbeit in Brasilien jemals irgendwo aufgetaucht.

»Magdalena Milon«, sagte Carrera sehr ernst weiter, »kennt alle jene Kontakte und Verbindungen, von denen ich bis hierhin zu Dir sprach, teilweise sogar persönlich. Letzteres ist ganz besonders im Falle von Jossip Wirges gemeint. Sie kennt sie sogar so weit, daß die Interna die sie pflegt, mit den geheimsten Details hinsichtlich so sehr sensibler Daten wie der Intimsphäre schier aller o.g. Personen – außer der von Walthero Cruz, und einiger der simpleren Daten. Sie ist eigentlich, der gefährlichste und gefährdetste Mensch überhaupt – in der Umgebung Milons. Dessen ist man sich dort jedoch nicht bewußt!«

Jetzt war Bert über alle Maßen erstaunt. Welche Rolle spielte diese Frau? Sie war doch nicht etwa ein Joker im Spiel des Jossip Wirges? Langsam gingen seine Gedanken zurück zu der Situation in der er Magdalena Milon kennenlernte:

Er wußte genau, daß sie seit 21:06 h, als vierter Gesprächsteilnehmer im Kaminzimmer des Bruders dabei war. Wußte, daß bis etwa gegen 23:00 h – als er zur Toilette gegangen war, ihre gemeinsame Unterhaltung sich um Wirges gedreht hatte. Um irgendwo im Verlaufe ihres Redens von diesem abgeleitet – auf all die anderen Personen, die diesem Milliardär offenbar ein gutes Zeugnis ausstellen sollten, überzugehen. Und Peu á Peu entwickelt sich in dieser Zeit das Bild eines Menschen, der als einer der reichsten Männer Brasiliens zu gelten hat. Der einer der mächtigsten Männer im Lande ist. Der angesichts seiner Familienpolitik, mit seiner hieraus resultierenden Familie – zu den 20 reichsten Familien im Lande zählt.

Bert hätte das Staunen gelernt, hätte er diesen Zustand nicht vorher schon gekannt, als sie schließlich ohne ihn, Bert – selbst, ein Bild von Wirges und seiner Umgebung entwickeln, von dessen Lebensstil, seinen Fähigkeiten, seinen Wohltaten und seiner grundsoliden sozialen, dem Lande Brasilien gegenüber, absolut treuen Haltung, erlauben sie ihm schließlich auf der Basis dieser selbstgemachten Vergötterung, schier alles zu tun, was überhaupt auch denkbar nur ist ohne ihn anzuklagen. So etwas hatte Bert anderswo bis dahin, niemals zuvor in seinem Leben erkennen können. Ihm war schon klar, daß er sich in einem einsamen Zustand befand, wußte ganz sicher, daß er bis gegen 23:00 h in eine recht hartgemeine Defensive gedrängt war. Daß sie nicht nur Caipirinha tranken, sondern bald auch Sekt, Wein, Champagner, Cocktails u. a. Sachen, machte es ihm leicht, glaubhaft, den Weg zur Toilette zu erfragen. Jedoch mußte er sein diesbezüglich spezielles Anliegen eine gute Viertelstunde lang zu verstehen geben. Daß war während er in seinem Themenkreis davon erzählte, daß Wasserbüffel und Nelore-Rinder, von einem Deutschen – etwa wie er selbst, der jedoch zur Einwanderung nach Brasilien angetreten war, auf- oder angekauft werden müßten, weil eine Zuchtrasse entstehen sollte, ginge es nach diesem Mann, der Hubert Vaßender hieß und der einmal ein ganz großer Rinderbaron werden wollte, wie es sie auf dem Planeten Erde noch nicht gab. Neben den hier in Brasilien vorhandenen Rindern würde er allerdings noch einige Gnus aus Afrika haben wollen, weil erst deren Gene – ihn, zu einem jener großen Fazenda-Besitzer machen würden, die im Hinblick auf die Rinderzucht, sowieso das absolute in Brasilien sind, und die durch ihn nun möglicherweise auf die Plätze verwiesen werden könnten.

Rinderkaufabsichten müßten also – in SãoPaulo von diesem Hubert Vaßender vermeldet werden, um überhaupt erst Rinder kaufen zu können, und die Absicht natürlich, einige Exemplare des afrikanischen Gnus für seine genetische Arbeit hinzuzunehmen, damit Vaßenders – vielleicht seltsamer Zuchttraum, irgendwo in der Tiefe des Landes doch Realität, doch Wirklichkeit werden kann, muß ebenso, noch in dieser Sonntagnacht registriert sein. Dann erst, so hatte Bert gelächelt, und hatte den Cousin Mantegazza unauffällig dabei im Visier gehabt, könne dessen hoffentlich erfolgreiche Arbeit beginnen. Eine Arbeit die also von einem Sonntag abhängig war, einem Tag in dessen Nacht die gesamte Rinder-Verwaltung der Registrationsbüros in SãoPaulo Dienst zu tun hatte, weil Genehmigungen auf dem Spiel standen die ganz grundsätzlich der Gentechnik zuzuordnen waren. Und genau dafür, gab es in Brasilien sehr strenge Gesetze. Aber es gab auch ein Bewußtsein für die Wichtigkeit des Ganzen, und darum hatte man von Gesetzes wegen jeden 2. Sonntag im Monat tagsüber und auch des Nachts Dienst zu tun in dieser Stadt.

Mit dieser eigentlich sensationellen Aufmachung und den schnellen – im Moment schier direkt sogar, noch in dieser Nacht anstehenden Terminen für das Registrieren des wohl wichtigsten Geschäfts zum Aufbau und realisieren der Idee des Hubert Vaßender, stößt Bert ganz aktuell (-nicht nur-) bei Mantegazza in ein Hornissen-Nest. Er reißt mit seinen Informationen, von welchen ganz sicher niemand ahnt, daß sie gezielt provokativ zu wirken haben, den Oberstleutnant Mantegazza in schiere Verzweiflungstaten hinein. Panikartig macht der sich auffällig sogar – was ihm wohl irgendwie auch noch egal ist, auf den Weg – Wirges zu retten, wie Bert heute, ganz sicher weiß. Mantegazza sieht durch die anstehenden Aktionen des– wie er glaubt, Bekannten von Bert, seinen Cousin und Mäzen Jossip Wirges, in allerhöchster Gefahr. Dessen Herz ist nämlich, wie er ganz genau weiß, das Geschäft mit den Rindern. Ist es auch dann, wenn er selbst, tausendmal oder mehr noch beteuert, daß der Rohrzucker das einzig wahre für Brasilien ist. Daß das Land und die Welt Energien brauchen die erneuerbar sind, und daß es wichtig ist für die Erde, daß bald jeder Antrieb, egal ob vom Kraftwagen, Schiff oder Flugzeug auf der Basis von Ernte und Produktion seines Rohrzuckers läuft. Außerdem war bei Jossip und in dessen Umfeld, zuletzt von einer gewaltigen Medizin die Rede, die mit einem Europäer der Bert Mehrhof nahe steht gemeinsam erarbeitet werden sollte und anders mehr. Und auch wenn er selbst nicht davon spricht, so weiß er dennoch genau, daß dieser Mehrhof da vorne vor ihm ein Teufel gegen seinen Cousin ist. Er springt nun aber auf, so jedenfalls sieht – Bert ihn, sieht ihn vor seinem geistigen Auge noch immer aufspringen, tut so, als hätte er etwas Wichtiges zu erledigen vergessen, versteht jetzt, ganz plötzlich Berts Verlangen, Urin oder was ablassen zu müssen, weist ihm darum auffällig schnell wie Bert meinte, den Weg über die Wendeltreppe zu den Toiletten des Souterrains, greift sich sein Handy, geht auf die Terrasse, und kommandiert von dort aus, wie Bert von Carrera weiß, diesen ihm selbst noch unbekannten Alvaro in eines der gefährlichsten Unternehmen überhaupt. Mantegazza beauftragt also während Bert sich auf den Weg zur Toilette im Souterrain macht, den Mann aus der Gruppe der »Brüder des Rohrs« respektive deren Unterorganisation der »Neidischen Konkurrenz« damit, einen, alles vernichtenden Bombenanschlag, auf das Verwaltungsgebäude für die Registration von Anläßen, zu, um, für und bei Rinder, durchzuführen. Bert mußte voller Genugtuung lachen, Carrera sah und hörte es mit Erstaunen, hielt sich aber ansonsten zurück, ließ Bert wie er wußte Denken: Denn hier, so lächelt er froh weiter, nun jedoch in sich hinein, ist der große Fehler angesiedelt, den Mantegazza begeht, ja – begehen soll oder sollte. Der Oberstleutnant bemerkte jedenfalls nicht, daß er den Gebäudeteil mit allem Drin und Dran in die Luft jagt, in dem der von ihm so sehr vergötterte Jossip Wirges seine Geschäfte macht. Er hatte außerdem nicht gewußt oder übersehen oder verwechselt, daß es zwei Büros oder Registrationsstellen in den Flügeln und Etagen des großen Verwaltungsgebäudes für das was von Vaßender her dort ansteht – gibt. Daß es überhaupt nur in SãoPaulo – einer von zwei Städten neben Brasilia möglich ist, dachte Bert, den speziellen Wünschen von Hubert Vaßender verwaltungstechnisch nachzukommen, war für den Cousin und Protegé Antonio Mantegazza ein weiteres Indiz, daß sein Gönner in Gefahr war. Die Eile aber, und die damit verbundene aufkommende Hektik, bewirkten merkwürdige Denkblockaden in Mantegazzas Hirn, hierdurch bedingt sprengte er im Prinzip oder übertragenem Sinne, Jossip Wirges in die Luft …

Das ganze Geschehen um Hubert Vaßender und dessen, von mir gelenktem Wunsch nach Rinderzucht in Brasilien, dachte Bert weiter und sah Carrera nachdenklich an, konnte so auch in jener Nacht natürlich nicht, bis ins letzte, für Milon und Mantegazza freizugebende Detail übersehen werden, und kann es auch jetzt noch nicht, obwohl sie schon ein gutes Stück weiter waren, weil die Auswirkungen all dessen was besprochen werden muß, und was resultierend getan werden kann oder wird – und werden muß, überhaupt noch gar nicht abzusehen sind in dieser Zeit.

Da braucht es noch Tage, Wochen oder sogar Monate. Bert wußte genau, daß er wieder in Berlin zurück sein würde, und erneut einige Male womöglich sogar Rio oder Brasilia, vielleicht auch SãoPaulo besucht haben würde. Aber sein verdecktes Ziel, einem Jossip Wirges zu schaden, der von Rindern träumte, von 17 ½ Rohrzuckerfeldern auf insgesamt 300000 ha Land und vielen Zuckerraffinerien in der ganzen Welt lebte, ihn auszumanövrieren, für immer also unschädlich zu machen, hatte nicht nur Hubert Vaßender, als planerisch von ihm erdachte, flankierende taktische Begleitung für seine Strategie …

© Copyright – Bernhard Malinkewitz

1Graf-Haeseler-Kaserne

2Die lateinische Phrase in spe bedeutet wörtlich „in der Hoffnung“ und hat sich als Floskel in der Umgangssprache etabliert. Im Sinne von „voraussichtlich/bald etwas sein/bevorstehend“ findet es im Alltag viele Anwendungen

3Lombadas sind jene Sperren auf den Straßen Brasiliens die zu langsamem Fahren zwingen … (ähnl. 30 km/h i.d. deutschen Ortschaften …

4Die Yami-Yami Indianer sind der Stamm den Bert braucht, um sein Roh-Mohn-K zu bekommen und jene Kaninchen zu züchten, die beweisen werden, daß es wirkt …, daß die Umwelt indes seinen Plan den Yami-Yami zu helfen vereiteln könnte, macht es erforderlich einen »Plan B« bereit zu haben – der für den Fall, daß er gebraucht wird, Milon und das brasil. Verteidigungsministerium bevorzugen wird …

5Luiz fürchtet den Einfluß von OL Mantegazza darum so sehr, weil er M. Kennt, weil er weiß, daß dieser ein Intrigant besonders hoher Güte ist, und – daß er skrupellos imstande ist …

6… starker Tobak – ist ein Ausspruch, der in früherer Zeit Menschen meinte, die harte sprachliche Bandagen gegeneinander nutzen mochten, um z.B. selbst, in einer sicheren Linie stehen zu können …

7Besten analogen Kies der Welt eruieren!